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Religionsbezogene Ausgrenzungen in der Kita

Ausgangslage:

Konkrete Beispiele zur Ausgrenzung aufgrund von Religion waren schwer zu identifizieren. Selten wird offen geäußert, aufgrund von Religion auszugrenzen bzw. ist den beteiligten Fachkräften gar nicht bewusst, dies zu tun. Religion wird nicht als Erklärungsmuster in den Blick genommen. Die nachfolgenden Erfahrungsberichte aus unserer Praxis in der Begleitung von Kitas verdeutlichen religionsbegründete Ausgrenzungsmechanismen.

Beispiel 1:

Muslimische Kinder, nichtchristliche oder atheistische Kinder werden nicht an der Vorbereitung von christlichen Festen beteiligt. Sie dürfen bei vorbereitenden Angeboten und Aktionen, zum Beispiel bei Liedern, Spielen, Gesprächen usw. nicht mitmachen. Eine aktive Beteiligung wird nicht ermöglicht, allenfalls dürfen sie als Zuschauer/ Zaungäste dabei sein. Sie sind somit nicht nur von der Feier/vom Gottesdienst ausgeschlossen, sondern werden auch im Alltag separiert.

Begründung:

Als Rechtfertigungsmuster wird benannt, dass die Kinder am Fest/Gottesdienst nicht kommen und sie deshalb nicht beteiligt werden müssen. Die Fachkräfte betonen, die Kinder explizit schützen zu wollen vor zu viel Input und unbekannten Inhalten.

Beispiel 2:

Individuell religiös bedingte Speisevorschriften bzw. Feste werden missachtet:

  • Es finden Sommerfeste mit Grillen während des Ramadans statt.
  • Wenn Eltern auf Einhaltung der religiös bedingten Speisevorschriften hinweisen, wird geäußert: „Hier essen alle Schweinefleisch. Unser Koch kann gar kein Rindfleisch zubereiten. Hier gibt es keine Extrawurst.“

Begründung:

Als Rechtfertigungsmuster wird genannt: „Haben wir nicht gewusst bzw. auf was sollen wir noch alles achten? Das ist doch nicht so schlimm, die können sich anpassen.“ 

Fachlicher Kommentar:

An den beschriebenen Beispielen wird deutlich, dass für viele Fachkräfte die christliche Religion die Grundlage für Traditionspflege bildet. Anders als in der Schule ist Religion in den Kindertages-einrichtungen kein separates „Fach“, sondern spiegelt sich in den vielen Dimensionen des Alltags wieder. Traditionell orientieren sich die Feiern im Kindergartenjahr (auch in nichtkirchlichen Einrichtungen) stark an christlichen Festtagen. Es wird auf christlicher Grundlage gehandelt ohne explizit von christlicher Religion zu sprechen (vgl. Dommel 2013, 190).

„Die Anderen“ werden als „religiös anders“ wahrgenommen. Stereotype und Zuschreibungen, die zum Beispiel Muslime als rückständig, patriarchal und nicht integriert bezeichnen, werden verwendet (vgl. Azun u.a. 2009, 43).

Die verinnerlichte Dominanz der christlichen Wertegesellschaft spiegelt sich in den Verhaltensweisen der Fachkräfte wider. Die bestehende „Herrschaftsordnung“ wird nicht in Frage gestellt und somit (re-)produziert. Die eigenen Selbstverständlichkeiten werden nicht reflektiert, verhindern den Austauschprozess mit den „religiös Anderen“ und gehen einher mit deren Abwertung.

Literatur:

Dommel, Christa (2013): Religion – Diskriminierungsgrund oder kulturelle Ressource für Kinder? In: Wagner, Petra (Hrsg.): Handbuch Inklusion. Grundlagen einer vorurteils-bewussten Bildung und Erziehung. Freiburg im Breisgau, S. 190

Serap Azun, Ute Enßlin, Barbara Henkys, Anke Krause, Petra Wagner (2009): Mit Kindern ins Gespräch kommen. Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung mit Persona Dolls©. Das Praxisheft.  S.43

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